Nach dem Feiern folgt das Aufräumen: Bei Musikfestivals bleibt oft tonnenweise Müll auf dem Gelände zurück, darunter z.B. zurückgelassene Zelte, die dann entsorgt werden. Das Kieler Start-up ReTent hat beschlossen, etwas gegen diese Müllberge zu unternehmen: So sammelt das ReTent-Team die herrenlosen Zelte ein, recycelt diese und fertigt daraus neue Produkte wie Taschen, Kissenbezüge und Hüte. 

Dass sich Studierende mehr auf Musikfestivals statt in Hörsälen aufhalten, ist ein böses Klischee. Dass aber eine gewisse Festivalerfahrung durchaus produktive Ideen fördern kann, dafür ist ReTent das beste Beispiel. Das Start-up wurde 2019 im Rahmen eines Studienprojekts im Fach Geographie ins Leben gerufen. „Aufgabe innerhalb des Projekts war es, nachhaltige Lösungen zu finden“, berichtet Lennart Holzhüter, Mitgründer von ReTent. „Schon damals wollten wir zurückgelassene Zelte und Materialien wiederverwerten, und hatten v.a. Festivals im Fokus.“ Das ReTent-Team setzte sich das Ziel Produkte „vom Festival fürs Festival“ zu produzieren und zugleich auf die Müll- und Wegwerfproblematik aufmerksam zu machen.

Zu Beginn wurde das Kieler Start-up vor einige Herausforderungen gestellt. „Wir haben alle keine BWL- oder VWL-Hintergründe, weshalb wir uns grundlegende Informationen und Wissen über das Unternehmerdasein aneignen mussten“, so Holzhüter. Aber auch sämtliche Produktionsschritte wie das Nähen oder die Vermarktung mussten sich die Gründer weitestgehend selbst beibringen. Und dann wurde zu Beginn auch noch unerwarteterweise das Material knapp. „Im Jahr 2020 kam Corona, und es fanden keine Festivals statt, so haben wir uns alte Zelte über Freunde oder das Internet organisiert, mit denen wir erstmals gearbeitet haben“, erinnert sich Holzhüter an die Phase, als die ersten Prototypen entwickelt wurden. Als zwei Jahre später wieder die ersten Festivals stattfanden, wurde das ReTent-Team direkt aktiv und sammelte Zelte auf dem Wacken Open Air sowie dem Deichbrandfestival ein.

„In der Regel sind wir v.a. auf großen Festivals mit mehr als 30.000 Besuchern unterwegs, da sich dort der ganze Aufwand am ehesten lohnt. Außerdem sind wir bisher nur im norddeutschen Raum unterwegs, um die Wege kurz zu halten. Im Jahr 2023 haben wir z.B. auf dem Wacken Open Air und auf dem Hurricane Festival Zelte eingesammelt“, legt Holzhüter dar.

ReTent sammelt primär Zelte ein, die defekt sind. Noch brauchbare Zelte sowie auch intakte Schlafsäcke und Isomatten werden dagegen an die Hanseatic Help Foundation gespendet, die diese z.B. für die Obdachlosenhilfe weiterverwendet. ReTent ist bemüht, möglichst viel des Zeltstoffs und der Unterlegplanen wieder zu neuen Produkten zu verarbeiten. Dazu wird das defekte Material zerlegt, gereinigt und anschließend verarbeitet.

Wiederverwenden statt Wegwerfen

„Unsere ersten Produkte wurden von uns selbst sowie von unseren Bekannten und Freunden getestet“, so Holzhüter. Danach wurden die Produkte entsprechend verfeinert und angepasst. Verkauft werden sie u.a. über den Online-Shop von ReTent sowie auf Messen- und Verkaufsständen unterschiedlichster Art – vom Festival über die Campingmesse bis hin zu kleinen Märkten. Aber auch im Einzelhandel ist das Start-up in einem Kosmos-Store in der Kieler Innenstadt vertreten. „Tendenziell verkaufen sich unsere Produkte besonders gut auf Festivals, v.a. die gebrandeten Produkte aus den Zelten des vorherigen Jahres kommen besonders gut bei den Festivalbesuchern an“, erzählt Holzhüter. „Generell erhalten wir immer wieder Feedback von Standbesuchern, die unsere Idee sehr gut finden. Das motiviert ungemein.“

ReTent sammelt zurückgelassene Zelte auf Festivals ein und fertigt daraus neue Produkte. Für das Branding werden Patches verwendet, wie bei der Wacken-2023-Kollektion mit offiziellem Wacken-Patch.

Das aktuelle Produktportfolio der Kieler besteht aus Einkaufstaschen, Bauchtaschen, Sportbeuteln, Kulturtaschen, Beachbags/Drybags, Outdoorkissenbezügen und Sonnenhüten. ReTent ist zudem stets dabei, das Angebot auszuweiten oder auch Sonderanfertigungen nach Maß zu produzieren. So können werbende Marken nicht nur ihr Logo auf den Produkten von ReTent platzieren, sondern auch aus ihren alten Zelten, Planen und Bannern eigene Werbe- und Merchandiseartikel herstellen lassen. „Das Besondere an unseren Produkten ist, dass sie alle Unikate sind und natürlich immer eine Hintergrundgeschichte haben, da sie eben upgecycelt sind. Zudem sind die Produkte sehr robust und halten zumindest Regen gut ab, wie es eben auch bei Zelten der Fall ist“, so Holzhüter. „Wir nähen die Produkte zum Teil selber in unserer Halle in Kiel, lassen aber auch bei externen Partnern in Kiel und Umgebung produzieren. Das Reinigen des Materials übernimmt unser Partner, der Erlenhof bei Neumünster, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Dieser kann uns bei Großaufträgen auch mit einer hauseigenen Industrieschneiderei unterstützen.“ So sind alle ReTent-Produkte „made in Schleswig-Holstein“.

Nachhaltigkeit bei der Produktion spielt für das ReTent-Team eine große Rolle. Zum einen werden die Wege zu den Nähereien und den Partnerbetrieben möglichst kurz gehalten, um dadurch CO2 einzusparen. Zum anderen bemüht sich ReTent bei der Produktion selbst, keine schädlichen Substanzen, wie z.B. beim Bedrucken, zu nutzen, weshalb für das Branding primär Patches verwendet werden.

„Eines unserer Highlights bisher war der Gewinn des GründungsCups der KielRegion im Bereich Nachhaltigkeit 2023“, freut sich Holzhüter. „Aber auch in der Zukunft wollen wir weiter wachsen und mit mehr Festivals und Unternehmen zusammenarbeiten.“ Das Ziel ist dabei, aus den nicht mehr benutzten und nicht mehr gebrauchten Materialien immer neue Werbe-, Merchandise- und Präsentprodukte mit individuellem Charakter herzustellen und gleichzeitig auch immer weiter auf die generelle Müllproblematik aufmerksam zu machen. „Zudem wird sich voraussichtlich nach und nach unsere Produktpalette ausweiten und wir werden als Gesellschafter sicherlich noch einiges dazulernen, was wir anders und besser machen können“, so Holzhüter. „Die Reise geht auf jeden Fall weiter…“

// Helen Lorenz

www.retent.de

Bildquelle: ReTent