Interview mit Christian Lanvermann und Christine Spiegel
„Wir schaffen einen Weg, dass künstliche Fasern biologisch abgebaut werden“

Das Mikroplastikproblem ist eine der gravierendsten Herausforderungen für die Textilindustrie: Synthetische Textilien setzen Kunstfasern frei, die jahrhundertelang in der Umwelt bleiben und die Ökosysteme belasten. Das amerikanische Unternehmen IAM (Intrinsic Advanced Materials) hat mit CiCLO technology eine Lösung entwickelt, mit der auch Kunstfasern biologisch abgebaut werden können – ähnlich wie Wolle. Der Textilriese Fruit of the Loom setzt die Technologie bei zwei seiner Sweatshirtlinien seit diesem Jahr ein. Wir sprachen mit Christine Spiegel, IAM, und Christian Lanvermann, Fruit of the Loom, über die womöglich bahnbrechende Innovation.
In einer der größten Konsumgüterindustrien der Welt, der Textilbranche, sollte Nachhaltigkeit für alle Player von großer Relevanz sein, die Ansätze differieren jedoch von Unternehmen zu Unternehmen. Was sind für Fruit of the Loom die zentralen Nachhaltigkeitsthemen?
Christian Lanvermann: Fruit of the Loom ist eine weltweit bekannte Textilmarke mit großer Tradition. Uns unterscheidet von vielen anderen Akteuren auf dem Markt, dass wir ein Hersteller sind. Wir setzen daher nicht nur alles daran, unsere Produktion auf dem neusten Stand der Technik zu halten, sondern wir versuchen auch permanent die Grenzen zu verschieben, wenn es um nachhaltige Produktion geht.
Alle rufen laufstark nach Nachhaltigkeit, aber was heißt das eigentlich? Für uns beinhaltet es mehr, als ein Produkt aus einem Bio-Garn anzubieten. Es geht um die gesamte Lieferkette, um Transparenz, um Partner, die strenge Verhaltenskodizes einhalten müssen, um Zertifizierungen. Und es ist uns wirklich wichtig, schonend mit den Ressourcen umzugehen. Bei unseren Produktionsstätten in Marokko, die mit Windenergie betrieben werden, haben wir ein System zur Wasser- und Abwasseraufbereitung installiert, wir produzieren so, dass keinerlei Abfälle auf Deponien gelangen, und wir haben kurze Transportwege nach Europa. Das sind die wichtigsten Faktoren, aber im Grunde durchzieht der Nachhaltigkeitsgedanke jeden unserer Prozesse.

Lanvermann: Ich denke, dass sich die Leute für Nachhaltigkeit interessieren, aber das Produkt muss erschwinglich bleiben. Wenn sich Verbraucher zwischen einem herkömmlichen Produkt und einem Super Premium-Produkt aus biologischem Anbau und nachhaltiger Produktion entscheiden müssen, würden wahrscheinlich 95% das herkömmliche Produkt wählen, sofern es billiger ist.
Aber in der Textilindustrie ist das Thema nach wie vor präsent, und der Nachhaltigkeitsaspekt extrem wichtig. Die Textilindustrie verbraucht viel Energie, Wasser und Farben – da gilt es für jede Marke ihre Hausaufgaben zu machen, zumal die EU die Unternehmen verstärkt dazu drängt, die neuesten Vorschriften einzuhalten.
Christine Spiegel: Wir stellen fest, dass das Bewusstsein der Verbraucher für Nachhaltigkeit deutlich gestiegen ist. Einigen Umfragen zufolge suchen bis zu 40% der Verbraucher nach nachhaltigen Produkten. Konsumenten sind sich z.B. mittlerweile der Problematik durch die PFAS-Belastung und der Verschmutzung durch Mikroplastik sowie der anderen Probleme, die durch synthetische Textilien entstehen, bewusst.
Mikroplastik ist ein Thema, dass in den Medien auch ziemlich viel Widerhall findet. Können Sie noch einmal genauer erläutern, worin das Mikroplastik-Problem besteht?
Spiegel: 65% der produzierten Textilien bestehen aus synthetischen Fasern, einfach weil synthetische Materialien strapazierfähig sind, sehr funktional und eine lange Lebensdauer haben. Es gibt derzeit keine Anzeichen dafür, dass die Verwendung von synthetischen Fasern nachlassen wird, im Gegenteil.
Synthetische Fasern sind nützlich, doch während des gesamten Prozesses – von der Herstellung der Kunstfaser über die gesamte Lieferkette bis hin zum Verbraucher, der die Kleidung trägt und wäscht – werden Mikroplastikfasern freigesetzt, die in unsere Ökosysteme gelangen. 35% des primären Mikroplastiks, das in die Ozeane gelangt, stammt aus dem Waschen synthetischer Textilien. Studien belegen, dass in 98% der über 192 entnommenen Proben von Meeresfrüchten Mikroplastik nachgewiesen wurde.
Und die Mikrofasern lösen sich eben nicht in ihrer Umwelt auf. Wir atmen sie ein, sie sind in den Lebensmitteln, die wir essen, sie gelangen in unser Gehirn oder unsere Lunge.
Wenn synthetische Fasern wegen ihres Nutzens weiterhin in Textilien verwendet werden – wie will IAM (Intrinsic Advanced Materials) den Kampf gegen das Mikroplastik aufnehmen?
Spiegel: In intensiver Forschungs- und Entwicklungsarbeit haben wir CiCLO® entwickelt, um das Problem der Mikroplastikverschmutzung durch synthetische Materialien zu lösen. Um das klarzustellen: Wir verringern nicht das Ablösen der Fasern an sich – bei jeder Waschladung gehen rund 18 Mio. Fasern verloren. Sondern wir schaffen einen Weg, der es einer künstlichen Faser ermöglicht, in Umgebungen, in denen Mikroben vorhanden sind, auf natürliche Weise biologisch abgebaut zu werden, ähnlich wie Wolle.
Tests (ASTM/ISO) durch Dritte belegen, dass CiCLO-Fasern unter den richtigen Bedingungen in weniger als vier Jahren biologisch abgebaut wurden – im Gegensatz zu herkömmlichem Polyester oder Nylon, die erst nach Jahrhunderten oder gar nie biologisch abgebaut werden.

Zwei Linien hat Fruit of the Loom mit CiCLO-Polyester ausgestattet: Die Iconic Premium Linie mit Crew, Hoodie, Zip Hood, Zip Neck, Sweat Jacket und Jog Pants überzeugt mit 300 g/m²-Materialqualität, ist angenehm weich im Griff und maximal stabil im Alltag.
Wie funktioniert die CiCLO-Technologie genau?
Spiegel: CiCLO ist ein Additiv, das während der Faserextrusion in die Polymere eingebettet wird. Dieser Zusatzstoff schafft einen Weg innerhalb des Polymers, um CiCLO-Polyester für natürlich vorkommende Mikroorganismen biozugänglich zu machen. Anders als Naturfasern wie Wolle enthalten Kunstfasern sehr komplexe Polymere. Ohne jetzt auf chemische Einzelheiten einzugehen, erzeugt unsere Methode eine unkomplexe Form, dies es Mikroben ermöglicht, die Faser als Nahrungsquelle wahrzunehmen. Dadurch wiederum kann die CiCLO-Faser in mikrobenreichen Umgebungen wie Meerwasser, Böden, Deponien und Klärschlamm biologisch abgebaut und vollständig mineralisiert werden, sodass kein Mikroplastikartikel zurückbleibt, sondern nur natürliche Bestandteile wie Biomasse, Wasser und Biogase.
Lanvermann: Was für uns wichtig war, dass der biologische Abbauprozess nur in solchen Umgebungen einsetzt und nicht etwa dann, wenn das T-Shirt lange in einer Sporttasche oder auf Lager liegt.
Spiegel: Das haben wir natürlich ausgiebig getestet, ebenso, dass die zurückbleibenden natürlichen Bestandteile für Meeres- und Bodenlebewesen unschädlich sind.
CiCLO wird nicht als Beschichtung aufgetragen, sondern mithilfe des Extrusionsverfahrens direkt mit der Faser verschmolzen. Welche Vorteile bringt das mit sich?
Spiegel: Durch diese Methode kann die CiCLO-Faser niemals ausgewaschen werden, sondern verbleibt in der Faser. Das Tolle ist, dass sie auch keinen Einfluss auf die mechanischen oder chemischen Recyclingfähigkeiten des Ausgangsstoffes hat. Das Material behält zudem seine Strapazierfähigkeit und ist kompatibel zu funktionellen Features wie „antimikrobiell“ oder „thermoregulierend“.
Was hat für Fruit of the Loom den Ausschlag gegeben, die CiCLO-Technologie selbst einzusetzen?
Lanvermann: Der Zeitpunkt war ziemlich günstig: Wir hatten entschieden, eine Sweatshirt-Kollektion, die wir bisher von einem Lieferanten bezogen hatten, selbst inhouse zu produzieren, um das mehr oder weniger gleiche Produkt zu einem günstigeren Preis anbieten zu können. Es ist immer enorm wichtig, preislich wettbewerbsfähig zu sein. Dazu haben wir auch in neue Maschinen investiert.
Während dieses Entwicklungsprozesses begannen wir darüber nachzudenken, wie wir nicht einfach nur ein weiteres Sweatshirt zu einem günstigeren Preis anbieten können, sondern was wir machen können, um uns von der Konkurrenz zu unterscheiden. Über unseren Garnlieferanten Parkdale Mills haben wir dann von der CiCLO-Technologie erfahren. Die Technologie hat uns in ihrer Gesamtheit gut gefallen, sogar so gut, dass wir noch in einer zweiten Linie – leichtere Sweatshirts mit einem Baumwollanteil – das Polyestergarn ebenfalls durch ein CiCLO-Polyester ersetzt haben.
Sind noch weitere Linien geplant?
Lanvermann: Die T-Shirt-Kollektion, die wir anbieten, werden zu 100% aus Baumwolle gefertigt – daher ist in diesem Segment die CiCLO-Technologie nicht erforderlich. Einige Polos hingegen bestehen aus einer Polyester-Baumwoll-Mischung. Wir prüfen derzeit die Verfügbarkeit und die Umstellung – das ist einer der Pläne für die Zukunft, dass wir immer mehr Produkte, die herkömmliche Polyester enthalten, auf CiCLO-Polyester umstellen. Es geht auch darum, diese Technologie bei unseren Lieferanten einzuführen, sofern wir Produkte beziehen – dann muss der Beschaffungspartner das Garn organisieren.
Spiegel: Das wird allerdings immer einfacher. Wir sehen, dass globale Marken in der Lage sind, diese Technologie einzusetzen. Und aufgrund der weltweiten Verfügbarkeit und der damit verbundenen Skalierbarkeit ist das Material erschwinglich.

Etwas leichter als die Premium-Kollektion und damit auch für den ganzjährigen Einsatz geeignet ist die Iconic 250-Linie. Das Sortiment besteht aus Set-In Crew, Hoodie, Open-Hem Jog Pants und Shorts in den Größen S bis 3XL.
Fruit of the Loom wird dieses Jahr 175 Jahre. Wie wichtig ist es, im Jubiläumsjahr mit solchen Neuheiten für Aufmerksamkeit zu sorgen?
Lanvermann: Sehr wichtig: Wir wollen mit der Kollektion auch ein Zeichen für den Markt setzen, dass wir innovativ sind. Deswegen sind wird auch so froh, dass wir diese Lösung gefunden haben. Wir haben die neue Linie im Januar gelauncht, im Februar war ich auf der Printwear & Promotion in Birmingham. Wir haben das Produkt dort vorgestellt und ausschließlich positives Feedback erhalten. Ehrlicherweise muss man sagen, dass manche einfach nur darauf achten, wie hoch der Preis ist, aber andere mögen auch die Geschichte dahinter. Und wir können beide Bedarfe bedienen, da wir das Produkt wegen der eigenen Herstellung auch zu einem sehr guten Preis anbieten.
Auffallend war, dass ich ansonsten auf der Messe eigentlich keine großen Innovationen gesehen habe. Alle bringen neue Polyesterprodukte auf den Markt, aber niemand außer uns hat eine echte Innovation vorgestellt.
Wir glauben, dass die CiCLO-Lösung eine entscheidende Wende für den Markt als auch für den Verbraucher ist. Man sieht im Moment viele Produkte, die recyceltes Polyester enthalten, glücklicherweise mittlerweile meistens aus Post-Consumer-Recycling – wir hatten in der Textilindustrie ja auch zeitweise das Problem, dass Plastikflaschen zur Herstellung von rPET zerkleinert worden, ohne dass sie je einen Tropfen Wasser beinhaltet hätten. Wir glauben jedoch, dass die Verwendung von recyceltem Polyester allein nicht die Lösung ist. CiCLO technology geht zwei Schritte weiter und ist Teil der Lösung für das Mikroplastikproblem, was äußert spannend ist. Deshalb sind wir wirklich stolz darauf, in unserer Branche die Ersten zu sein, die diese Technologie einsetzen.
Für die Nutzer ist das Sweatshirt, das sie anziehen, immer noch in erster Linie ein Kleidungsstück, das gut aussehen und sich gut anfühlen soll. Wie schafft man es, den Verbrauchern und den werbenden Unternehmen den Mehrwert der Technologie zu erklären?
Spiegel: Ich bin vor zwei Jahren der Organisation beigetreten, und seitdem gehört es zu meinen Aufgaben, das Markenimage neu zu gestalten und unser Nutzenversprechen auf Verbraucherebene zu vermitteln. Nach unzähligen Testrunden und Marktanalysen haben wir die Kernaussage unseres Produkts im Slogan „Made to last, not here forever“ zusammengefasst. Wenn wir über Etiketten oder die Verpackung die Verbraucher ansprechen, dann geht es darum, genau das zu vermitteln: dass CiCLO-Fasern dafür sorgen, dass Textilien lange genutzt werden, aber ihre Mikroplastikfasern nicht für immer in der Umwelt bleiben.
Lanvermann: Was die Kommunikation angeht, ist das wirklich der schwierigste Teil. Wir haben erkannt, dass wir über neue Produkte und Innovationen immer wieder sprechen müssen – und das ist in diesem Fall sehr knifflig, weil es um Wissenschaft, Chemie und Mikroben geht. Deshalb sind Messen und Veranstaltungen äußerst wichtig, aber auch Kommunikationsmaterialien, Broschüren, soziale Medien, Newsletter … Und wir haben unsere Vertriebsmitarbeiter im eigenen Haus geschult, denn sie sind diejenigen, die das Produkt erklären und verkaufen können müssen.
Mit Christian Lanvermann und Christine Spiegel sprachen Sophia Arnold und Dr. Mischa Delbrouck.







