Global Recycled Standard
Nachweis statt Vertrauen

Zertifikate und Standards spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Nachhaltigkeits- und Sozialfaktoren nachvollziehbar zu gestalten und glaubwürdig zu kommunizieren. Beim Thema Recycling hat sich der GRS (Globald Recycled Standard) als führendes Label etabliert. Er schafft klare Vorgaben für den Einsatz von recycelten Materialien und überprüft zugleich soziale sowie ökologische Kriterien entlang der Produktionskette. Längst ist er auch im Werbeartikel- und Merchmarkt ein gern gesehener Nachweis.
Nachhaltigkeitssiegel und Zertifizierungen bieten Orientierung und schaffen Vertrauen, da sie für nachvollziehbare Standards und Glaubwürdigkeit stehen. Einhergehend mit der EU-Richtlinie zum Kampf gegen Greenwashing, nach der Umweltaussagen nur dann getroffen werden dürfen, wenn sie überprüfbar sind, gewinnen sie auch zukünftig immer mehr an Bedeutung.
Angesichts der Vielzahl von Nachhaltigkeitsthemen gibt es nicht den einen Goldstandard, vielmehr haben sich für unterschiedliche Produktgruppen, Materialien und Produktionsarten unterschiedliche Labels herauskristallisiert, die Einkäufern und Verbrauchern Sicherheit geben.
Einen immer größeren Stellenwert im Bereich der Produktentwicklung nimmt das Thema Recycling ein, schließlich sind unsere Ressourcen endlich, zudem wird bei der Herstellung von Produkten aus recycelten Materialien weniger Energie verbraucht und weniger CO2 emittiert als bei solchen aus Virgin-Rohstoffen.
Doch wann ist ein Produkt wirklich ein recyceltes Produkt? Reicht es schon, wenn nur geringfügige Mengen an wiederverwerteten Materialien beigemischt werden? Klarheit schafft der Global Reycled Standard, kurz GRS.
Der GRS ist ein international anerkannter, freiwilliger Standard zur Nachverfolgung und Überprüfung des Recyclinganteils in Produkten. Gleichzeitig stellt er sicher, dass entlang der gesamten Lieferkette verantwortungsvolle ökologische und soziale Praktiken eingehalten werden. Entwickelt wurde der Standard im Jahr 2008 von Control Union Certifications, seit 2011 wird er von Textile Exchange (s. Infobox) verwaltet. Der GRS findet Anwendung bei einer Vielzahl von Produkten, darunter Bekleidungstextilien, Accessoires und Heimtextilien, aber auch bei anderen Konsumgütern oder der Verpackungsindustrie.
Der GRS legt die Kriterien für die Zertifizierung von Recyclingmaterialien sowie der gesamten Produktionskette fest. Im Vergleich zu anderen Standards fordert er einen höheren Mindestanteil an Recyclingmaterialien – in vielen Fällen mindestens 50% – und ergänzt dies durch umfassende soziale und ökologische Anforderungen, z.B. hinsichtlich Verarbeitung und Chemikalieneinsatz.
Für viele Unternehmen spielt beim GRS insbesondere die Glaubwürdigkeit gegenüber Kunden eine wichtige Rolle. Alexander Ullmann, Geschäftsführer vom Schreibgerätespezialisten uma, verweist auf die wachsende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten: „Die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten lässt sich am einfachsten mit anerkannten, offiziellen Zertifizierungen beantworten. Da GRS auch international bekannt bzw. anerkannt ist, war für uns die Entscheidung gegeben, diesen Standard in unsere Produktions- und Lieferkette einfließen zu lassen.“ Bei uma sind u.a. die Align Recy-Reihe sowie die Stage Recy-Reihe aus recyceltem ABS-Kunststoff GRS-zertifiziert.

Nicht nur Textilien, auch Produkte aus Kunststoff können nach GRS zertifiziert werden. Der Schreibgerätespezialist uma hat z.B. die Recycling-Modelle der Reihen Alien und Stage mit dem GRS-Label versehen lassen.
Auch für Kenneth Kolsteren, BU Manager bei Eecoff, einem Spezialisten für Corporate Wear aus einem Garn, das aus Kaffeeresten hergestellt wird, steht die unabhängige Bestätigung der eigenen Nachhaltigkeitsbemühungen im Vordergrund. Zwar setze das Unternehmen seit Langem auf recycelte Materialien und eine kreislauforientierte Produktion, doch mit der GRS-Zertifizierung werden diese Maßnahmen transparent und nachvollziehbar belegt. „Da Kunden Nachhaltigkeitsversprechen zunehmend kritisch hinterfragen, schafft GRS Vertrauen: Die Zertifizierung belegt, dass die verwendeten Materialien tatsächlich recycelt sind und entlang der gesamten Lieferkette zurückverfolgt werden können“, so Kolsteren.
Beim Textilallrounder Daiber wiederum war die Transparenz beim Einsatz recycelter Materialien ein entscheidender Beweggrund, wie Geschäftsführer Kai Gminder beschreibt: „Der GRS ist ein etablierter Standard mit klaren Anforderungen entlang der gesamten Lieferkette und bietet Kunden eine verlässliche Orientierung. Ergänzend nutzen wir den Recycled Claim Standard (RCS), um auch Produkte mit geringeren Recyclinganteilen transparent auszuweisen.“

Das Unternehmen Eecoff stellt Corporate Wear aus Kaffeegarn her. Dazu wird verkohlter Kaffeesatz Garnen zugefügt. Das erhöht nicht nur den Reyclinganteil, sondern verbessert auch die Funktionalität.
Konkrete Ziele
Zu den zentralen Zielen des Standards gehört es, den Recyclinganteil in Produkten verlässlich zu überprüfen und sowohl Marken als auch Verbrauchern fundierte Kaufentscheidungen zu ermöglichen. Darüber hinaus soll der GRS die negativen Auswirkungen der Produktion auf Mensch und Umwelt reduzieren, eine klimafreundlichere Herstellung fördern und den Einsatz recycelter Materialien erhöhen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die vollständige Rückverfolgbarkeit recycelter Rohstoffe – von der Quelle bis zum Endprodukt im Handel.
Die GRS-Zertifizierung umfasst dabei die gesamte Lieferkette, einschließlich Verarbeitung, Herstellung, Verpackung, Kennzeichnung, Handel und Vertrieb. Dabei wird die Rückverfolgbarkeit der recycelten Materialien über sämtliche Produktionsstufen hinweg dokumentiert und überprüft. Die verwendeten Materialien müssen der ISO-Definition von „recycelt“ entsprechen, akzeptiert werden sowohl Pre-Consumer- als auch Post-Consumer-Materialien.
Neben den Anforderungen an den Recyclinganteil beinhaltet der GRS auch soziale und ökologische Kriterien. Dazu gehört u.a. die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten, Arbeitssicherheit sowie fairer Arbeitsbedingungen. Ebenso werden Umweltaspekte wie Abfallmanagement, Energie- und Wasserverbrauch sowie die Kontrolle von Emissionen berücksichtigt. Zusätzlich schränkt der Standard den Einsatz schädlicher Chemikalien in der Produktion ein, um Umwelt- und Gesundheitsrisiken zu minimieren. Unternehmen, die nach dem GRS zertifiziert werden möchten, müssen daher umfassende Anforderungen an eine verantwortungsvolle Produktion erfüllen.
Umfangreicher Prozess
Der Weg zur Zertifizierung beginnt mit der Auswahl einer unabhängigen, akkreditierten Zertifizierungsstelle, die während des gesamten Prozesses als zentraler Ansprechpartner fungiert – von der Antragstellung bis hin zur finalen Kennzeichnung und Kommunikation.
Zunächst wird das Antragsformular der jeweiligen Zertifizierungsstelle ausgefüllt und eingereicht. Nach Eingang des Antrags erstellt die Zertifizierungsstelle ein individuelles Angebot. Mit der Annahme des Angebots folgt in der Regel der Abschluss eines Vertrags. Im nächsten Schritt überprüft ein Auditor die relevanten Dokumente, Prozesse und Verfahren anhand der Anforderungen des Standards
Die Ergebnisse des Audits werden anschließend von der Geschäftsstelle der Zertifizierungsstelle geprüft. Werden Nichtkonformitäten festgestellt, müssen entsprechende Korrekturmaßnahmen umgesetzt werden. Sind alle Anforderungen erfüllt, erfolgt die Zertifizierung. Auch nach erfolgreichem Abschluss sind unangekündigte Kontrollen möglich, um die fortlaufende Einhaltung der Standards sicherzustellen.

Textilallrounder Daiber nutzt neben Organic Cotton bei einer Vielzahl seiner Produkte recycelte Polyestergarne. Produkte mit mehr als 50% Recyclinganteil werden nach GRS-zertifiziert, geringere Anteile werden mit dem Recycled Claim Standard (RCS) transparent ausgewiesen.
Wie aufwendig der Weg zur Zertifizierung ausfallen kann, hängt dabei stark von den bestehenden Strukturen eines Unternehmens ab. Ullmann beschreibt die Einführung des GRS als einen Prozess mit erheblichem personellen und organisatorischen Aufwand: „Nach etwa sechs Monaten Vorbereitung und Umsetzung im Unternehmen konnten die Voraussetzungen geschaffen werden. Sinnvoll ist die Zertifizierung für uns jedoch nur mit ebenfalls GRS-zertifizierten Zulieferern – dafür wurden über zwei weitere Jahre lückenlose Zertifizierungslinien aufgebaut.“
Ähnlich umfangreich gestaltete sich der Prozess bei Eecoff. Kolsteren berichtet, dass neben der Dokumentation der Lieferkette auch zahlreiche Nachweise von Lieferanten eingeholt und Systeme zur Rückverfolgbarkeit eingerichtet werden mussten. Ziel sei es gewesen, die Herkunft zertifizierter Materialien lückenlos von der Quelle bis zum Endprodukt nachweisen zu können. „Das Audit umfasste nicht nur die Materialien, sondern auch Prozesse, Dokumentation, Aufzeichnungen und das Betriebsmanagement. Von der Vorbereitung bis zur Zertifizierung dauerte der Prozess mehrere Monate“, erklärt Kolsteren.
Bei Daiber konnte die Zertifizierung innerhalb von etwa sechs Monaten abgeschlossen werden. Gminder hebt insbesondere die Unterstützung durch ein Prüfinstitut hervor: „Ecocert begleitete uns eng mit klaren Ansprechpartnern und Zuständigkeiten. Dank übersichtlicher Unterlagen und verständlicher Anforderungen ließ sich die Dokumentation zügig erstellen, und auch das Erstaudit wurde zeitnah durchgeführt.“
Zahlreiche Vorteile
Die GRS-Zertifizierung bietet sowohl den Herstellern als auch werbenden Unternehmen und deren Zielgruppen zahlreiche Vorteile. Verbraucher erhalten transparente und verifizierte Informationen über den Recyclinganteil sowie über verantwortungsvolle Herstellungspraktiken. Unternehmen profitieren zudem von einer höheren Transparenz und Verantwortlichkeit innerhalb ihrer Lieferketten und können ihr Engagement für Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Beschaffung glaubwürdig nach außen darstellen. Gleichzeitig trägt der Standard zur Verringerung der Umweltbelastung bei, indem er die Nutzung recycelter Materialien fördert und ökologische Schäden durch Produktionsprozesse reduziert.
In der Praxis macht sich die Zertifizierung auch wirtschaftlich bemerkbar. So berichtet Ullmann, dass die GRS-Zertifizierung inzwischen in zahlreichen Ausschreibungen vorausgesetzt werde: „Die Zertifizierung ermöglicht uns, in einem breiteren Spektrum Angebote abzugeben als zuvor.“ Gleichzeitig versteht uma die Zertifizierung nicht allein als Verkaufsargument. Vielmehr dient sie dem Unternehmen als Nachweis für eine transparente und verantwortungsvolle Produktion.
Auch bei Eecoff wird der Nutzen v.a. in der gestiegenen Glaubwürdigkeit gegenüber Kunden gesehen. Kolsteren berichtet von einer durchweg positiven Resonanz: „Viele Kunden verfolgen eigene Nachhaltigkeitsziele und erwarten belastbare Nachweise statt bloßer Versprechungen.“ Die Zertifizierung erleichtere daher nicht nur Kundengespräche, sondern verschaffe dem Unternehmen auch Vorteile in einem Marktumfeld, in dem Nachhaltigkeitsaussagen häufig schwer überprüfbar seien. Zudem beobachte Eecoff ein wachsendes Interesse von Kunden, die gezielt mit zertifizierten und transparenten Lieferkettenpartnern zusammenarbeiten möchten.

Eines der von Eecoff hergestellten Polos.
Neben den Vorteilen in der Marktpositionierung hebt Kolsteren auch positive interne Effekte hervor: „Der Zertifizierungsprozess hat unsere Rückverfolgbarkeit und Dokumentation deutlich verbessert.“ Damit wirke sich die Zertifizierung nicht nur auf die Außenwahrnehmung aus, sondern unterstütze zugleich die Optimierung interner Prozesse.
Eine ähnliche Entwicklung beobachtet auch Gminder: „Die GRS-Zertifizierung wird von Kunden und Geschäftspartnern positiv aufgenommen und zunehmend vorausgesetzt. Daher haben wir das Zertifikat aktiv in unsere Vertriebs- und Angebotsprozesse integriert.“
Auf dem Weg zum Branchenstandard
Mit Blick auf die Zukunft gehen viele Unternehmen davon aus, dass die Bedeutung von Zertifizierungen wie dem Global Recycled Standard weiter zunehmen wird. Steigende Anforderungen von Kunden, strengere regulatorische Vorgaben sowie der Wunsch nach mehr Transparenz in globalen Lieferketten sorgen dafür, dass nachvollziehbare Nachhaltigkeitsnachweise zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Für Ullmann ist insbesondere die internationale Anerkennung des Standards ein entscheidender Faktor. Gerade für weltweit agierende Unternehmen wie uma sei es wichtig, sich an Regelwerken und Standards zu orientieren, die in möglichst vielen Ländern Anwendung und Berücksichtigung finden. „GRS ist ein relevanter Standard, den auch große Industrieunternehmen nicht nur in der eigenen Produktion einhalten, sondern auch bei Lieferanten fordern. Deshalb ist es begrüßenswert, wenn viele diesem Standard folgen und ihn auch belegen können“, so Ullmann.

Auch bei Sportkleidung von Daiber setzen sich recycelte Stoffe immer weiter durch.
Kolsteren erwartet eine weiter steigende Relevanz von Transparenz und Rückverfolgbarkeit in der Textilindustrie. Strengere gesetzliche Vorgaben, höhere Anforderungen von Marken sowie das wachsende Informationsbedürfnis der Verbraucher würden die Bedeutung von Zertifizierungen wie GRS weiter erhöhen. „Unternehmen, die ihre Aussagen durch unabhängige Zertifizierungen belegen können, werden künftig klar im Vorteil sein gegenüber solchen, die sich allein auf eigene Nachhaltigkeitsversprechen stützen“, ist Kolsteren überzeugt.
Eine ähnliche Einschätzung vertritt Gminder. Er geht davon aus, dass sich der Global Recycled Standard künftig noch stärker als Branchenstandard etablieren wird: „Bereits heute zählt er zu den sichtbarsten und am weitesten verbreiteten Zertifizierungen für recycelte Materialien und wird von vielen Marktteilnehmern aktiv genutzt und nachgefragt.“
Die Einschätzungen zeigen, dass der GRS längst nicht mehr nur als freiwillige Nachhaltigkeitsmaßnahme verstanden wird. Vielmehr entwickelt sich der Standard zunehmend zu einem wichtigen Instrument für Transparenz, Glaubwürdigkeit und Wettbewerbsfähigkeit entlang globaler Lieferketten.
Helen Lorenz








