Mit Style gegen Rechts

Kein Bock auf Nazis ist eine bundesweite Mitmachkampagne gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Diskriminierung. Mit auffälligen Slogans, Merchandise-Artikeln und Präsenz auf Festivals, Konzerten sowie im Netz setzt das Team klare Zeichen gegen rechte Hetze. Im Interview spricht Co-Vorsitzender Johannes Brenner über die Bedeutung von Sichtbarkeit, den Spagat zwischen politischer Botschaft und ansprechendem Design, Kooperationen mit Unternehmen und die Rolle, die der Onlineshop für Protestkultur und Empowerment spielt.

Welche Bedeutung hat Sichtbarkeit für ihre Arbeit im öffentlichen Raum – und welche Rolle spielen dabei gezielt eingesetzte Symbole, Slogans oder Merchandise-Produkte?

Johannes Brenner: Die Mission von Kein Bock auf Nazis lautet einerseits, Menschen Mut zu machen, die sich bereits gegen den Rechtsruck engagieren, und andererseits Menschen dazu zu bringen, Stellung zu beziehen. Das kann in der Schule sein, im Jugendzentrum, bei der Arbeit oder draußen auf der Straße. Wenn wir auf großen Festivals wie Rock am Ring unsere Produkte an die Besucher:innen weitergeben oder Musiker:innen auf der Bühne Kein Bock auf Nazis-Merch tragen, dann tragen diese Statements ganz entscheidend dazu bei, dass sich Menschen mit der Sache verbunden fühlen und in Zeiten des Rechtsrucks nicht allein stehen.

Und dabei legen Sie dann auch Wert darauf, dass die Artikel ansprechend designt sind?

Absolut! Es ist natürlich entscheidend, dass unsere Symbole, Slogans und Produkte jung und cool aussehen. Es reicht eben nicht, nur ein starkes politisches Statement auf einen x-beliebigen Rohling zu drucken, der am Ende einfach schrottig herüberkommt. Am Ende zählt eben beides – Haltung und Aussehen –, damit die Kommunikation funktioniert. Unsere Grafikabteilung gibt sich da immer sehr viel Mühe und wird meist dafür belohnt.

Also haben Sie ein eigenes Designteam und Grafiker, die Ihre Artikel produzieren?

Wir haben inhouse einen Mitarbeiter, der Vollzeit unsere Grafiksachen gestaltet. Unsere  CI und unser Stil sind im Zuge eines Workshop-Prozesses entstanden. Nach dem daraus hervorgegangenen Layoutbaukasten setzt unser Grafiker dann die Produktideen um. Dazu haben wir einen Pool aus 5-6 Grafiker:innen, mit denen wir immer wieder unterschiedliche Ideen und Projekte umsetzen. Insgesamt entstehen aber ca. 80% unserer Grafiken und Designs inhouse. 

Wo und wie werden ihre Artikel dann hergestellt? Setzen Sie auch mit der Herstellung ihrer Produkte ein Statement?

Wir versuchen es auf jeden Fall. Die wichtigsten Artikel von uns, also Kleidung und Accessoires wie Shirts, Pullover oder Beutel, sind bei uns immer Fairtrade. Das ist das Mindeste, was wir machen können. Unsere Aufkleber lassen wir alle bei einem Berliner Unternehmen herstellen, aber wir möchten auch nicht verschweigen, dass wir manchmal Kompromisse eingehen müssen. Wir lassen z. B. unsere Flaschenöffner in Fernost herstellen, weil sie ansonsten für einen gemeinnützigen Verein wie uns einfach nicht bezahlbar wären. Wir versuchen, alle Wege immer so kurz wie möglich zu halten, aber bei einzelnen Artikeln ist es wichtiger, sie überhaupt anbieten zu können, auch wenn sie nicht so nachhaltig wie möglich hergestellt wurden.

Gab es Werbeartikel oder Aktionsmaterialien, die sich im Hinblick auf Aufmerksamkeit und Diskussion als besonders wirksam erwiesen haben?

Auf über 100 Festivals ist Kein Bock auf Nazis jedes Jahr mit Infoständen präsent, um Gespräche zu führen und Aktionsmaterialien zu verteilen.

Als wir Sticker und Buttons in Glitzeroptik ins Sortiment aufgenommen haben, sind die Leute förmlich durchgedreht. Glitzerschmuck auf Festivals ist allgegenwärtig, und das dann noch mit einer politischen Botschaft versehen? Einfach ein perfektes Match. Ein wirklicher Dauerbrenner sind außerdem seit Jahren unsere Festivalbändchen. Für jede Festivalsaison designen wir ein neues Bändchen und geben es den Leuten als Dankeschön gegen eine kleine Spende mit. Insgesamt bringen wir so jedes Jahr ca. 50.000 bis 60.000 Stück unters Volk und damit auch gleichzeitig unsere Botschaft. Das Coole daran ist, dass die Bändchen meist lange am Handgelenk bleiben und die Botschaft somit auch permanent im Alltag sichtbar ist.
Dadurch fühlen sich andere wiederum vielleicht ermutigt, Stellung zu beziehen. Oder aber man muss sich rechtfertigen und lernt, seine Position zu verteidigen und vertreten zu können. Denn natürlich treffen unsere Botschaften nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Kontroversen. Auf den Festivals kommen meist viele Menschen zusammen, die einen gewissen Grundkonsens teilen. Das nützt aber dem 15-jährigen Punk in Bautzen nichts, der an der Bushaltestelle Probleme bekommt, weil er eines unserer Shirts trägt. Zum Glück gibt es in jedem Bundesland Opferberatungsstellen, an die man sich in so einem Fall wenden kann.

Merken Sie denn einen Unterschied, wenn Kein Bock auf Nazis z. B. auf großen Festivals wie Rock am Ring gastiert, oder auf linksalternativen Festivals mit klar formuliertem Wertekanon?

Insgesamt sind wir auf Festivals unterwegs, auf denen zumindest im Ansatz der Grundkonsens herrscht, gegen Rassismus und Nazis zu sein. Klar, auf großen Festivals kommen teilweise 90.000 Menschen zusammen, und da wäre es naiv zu glauben, dass in so einer großen Masse nicht auch Knallköpfe dabei sind, die betrunken an unseren Stand kommen und stolz behaupten, die AfD gewählt zu haben. Unsere Teams sind aber dahingehend geschult, deeskalierend zu wirken, und können mit solchen Situationen gut umgehen. Wir sind außerdem immer mit der Festivalleitung und der Security in Kontakt. Sollte doch mal etwas passieren, werden die Securitys gerufen, und in der Regel werden die Störenfriede dann des Festivals verwiesen. Aber so etwas kommt zum Glück wirklich nur ganz selten vor.

Ich habe auch schon Plakatwände und Sharepics im Internet von Ihnen gesehen, aber was können haptische Produkte im politischen Aktivismus leisten, was rein digitale Kampagnen nicht können?

Sie schaffen Präsenz im Alltag. Während ein Sharepic in der Timeline schnell weitergescrollt wird, bleibt ein Aufkleber an einer Laterne, ein Shirt im Schulflur oder ein Bändchen am Handgelenk präsent. Es ist ungemein wichtig, dass wir im realen Leben stattfinden und erreichbar sind.
Das ist ein sehr großer Aufwand und kostet natürlich auch viel Geld, immerhin sind wir mit über 100 Ständen jedes Jahr auf Festivals, Konzerten und Kundgebungen vertreten. Unsere Festivalstände funktionieren oft wie kleine Kummerkästen. Leute erzählen von rechten Cliquen in ihrem Ort oder davon, dass sie in ihrer Klasse allein gegen rechte Parolen stehen. Da geht es wieder um Empowerment, und das gelingt über reale Begegnungen und sichtbare bzw. haptische Zeichen oft besser als rein digital.

Kooperieren Sie auch gezielt mit Unternehmen und bieten Sie Co-Branding an?

Grundsätzlich sehr gern. Aber natürlich ist es uns wichtig, dass die Unternehmen es auch wirklich ernst meinen. Ist das der Fall, funktioniert die Zusammenarbeit meistens sehr gut. Wir haben zum Beispiel mit Fritz-Kola kooperiert und eine eigene Fritz-Kola-Version mit eigenem Label herausgebracht, oder mit Hydrophil im Rahmen der Kampagne #zeigzähne eine Zahnbürste aus Bambus. Wir freuen uns immer, wenn Firmen uns kontaktieren und eine coole Idee haben. Von Bier- bis hin zu Klamottenmarken war schon vieles dabei. Mit dem FC St. Pauli haben wir z. B. auch die Stadionordnung gemeinsam erarbeitet. Wenn Unternehmen klare Kante gegen rechts zeigen, ist das immer unterstützenswert, weil wir einen möglichst großen Output wollen. Wir sind keine Kampagne, die in irgendeinem besetzten Haus im Keller stattfindet, wo sich keiner hineintraut, sondern wir sind ganz niedrigschwellig.

Kein Bock auf Nazis ist nicht nur auf Festivals und Konzerten unterwegs, sondern es gibt auch einen Onlineshop. Wie wichtig ist diese Plattform für Sie?

Der Onlineshop ist ungemein wichtig. Wenn große Proteste anstehen – wie etwa im Januar 2024, als in unzähligen Städten Hunderttausende gegen die AfD auf die Straße gegangen sind – wird unser Shop förmlich überrannt. Zu Weihnachten ist in unserem Shop ebenfalls eine Menge los, weil die Leute Lust haben, etwas mit Haltung zu verschenken und damit gleichzeitig auch unsere Arbeit zu unterstützen. Seit ein paar Jahren bieten wir deshalb auch eine Kollektion an Ugly-Christmas-Sweatern an. Das sind dann zwar irgendwo „Witzartikel“, aber eben mit Haltung und für die gute Sache. Wir bieten auch eine Spende an sich als Geschenk an. Das bedeutet: Du spendest Betrag X an uns und erhältst dafür eine Spendenurkunde, die man hübsch unter dem Weihnachtsbaum platzieren kann.

Wie sind Sie mit ihrem Onlineshop aufgestellt?

Wir machen alles selbst. Unser Lager sitzt in Hamburg, und dort sind Tag und Nacht Leute damit beschäftigt, unsere Aufträge auszuführen.
Inzwischen haben wir immerhin über 100 Artikel im Sortiment. Wir haben große Freude daran, neue Ideen umzusetzen, und sind froh darüber, dass wir dank unserer schlanken Strukturen neue Einfälle schnell realisieren können. Manchmal kann man aber auch nicht einschätzen, wie erfolgreich ein Artikel sein wird. Während einige Neuheiten erstmal in größerer Anzahl im Shop liegenbleiben., wird man bei anderen förmlich überrannt. So kommt es, dass wir mittlerweile ein großes Sortiment anbieten – und so ziemlich alles stammt aus unseren eigenen Ideen.

Die Bandbreite an Merchartikeln ist groß, und nicht immer muss es das klassische Logo sein. Auch ausgefallene Designideen finden immer wieder Platz im Sortiment.

// Mit Johannes Brenner sprach Mika Gehlen. 

 

Teile den Beitrag




#

Newsletter